Gedicht von Paul Celan: Corona

Vor einigen Tagen, am 26.11.2020, war in Ö1 eine 5-minütige Sendung über Paul Celan und sein Gedicht CORONA. Im Gedicht geht es v.a. um seine wechselvolle Beziehung zu Ingeborg Bachmann; es ist kein leichtes Gedicht, aber – auch wenn es mir schwer verständlich ist, finde ich´s auf eine magische Weise schön.

CORONA

Aus der Hand frisst der Herbst mir sein Blatt:

wir sind Freunde.

Wir schälen die Zeit aus den Nüssen

und lehren sie gehen:

die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,

im Traum wird geschlafen,

der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab

zum Geschlecht der Geliebten:

wir sehen uns an,

wir sagen uns Dunkles,

wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,

wir schlafen wie Wein in den Muscheln,

wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster,

sie sehen uns zu von der Straße:

Es ist Zeit, daß man weiß!

Es ist Zeit, daß der Stein

sich zu blühen bequemt,

daß der Unrast ein Herz schlägt.

Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

…………….

dieses Gedicht (von 1948) stammt aus dem 1952 veröffentlichten Gedichtband

„Mohn und Gedächtnis“.

dies ist der Beitext zu dieser interessanten kleinen Sendung in Ö1

nochmal herausgehoben: „…und so ist „Corona“ ein Liebes- und ein Totenkranz; und auch eine große Fermate: ein öffentliches Innehalten unter dem großen Zeitdruck….“ und „Fermate: ein Haltepunkt am Ende einer musikalischen Phrase…“ (siehe oben im Text).

Ich finde das faszinierend: sind wir nicht am Ende einer langen „musikalischen Phrase“, die allerdings immer mehr kakaphone Elemente enthält? …

„Es ist Zeit, daß es Zeit wird. Es ist Zeit.“

——–

Wenn wir schon beim Thema sind – gleich noch etwas, das mir dazu im Internet untergekommen ist: in Petris Fremdwörterbuch von 1889, findet sich zum Stichwort Corona Folgendes:

Krone, Kranz, Tonsur, Mannschaft, Sippschaft…. und – das ist interessant und passt zum obigen Gedicht von Paul Celan (zu den Auf- und Abschwüngen in seiner Liebe zu Ingeborg Bachmann) – es findet sich ein Hinweis auf Ariadne, die von Perseus verlassen wurde und die ihm mit ihrem Wollknäuel zur Flucht aus dem Labyrith verhalf. Der Gott Dionysos verliebte sich in Ariadne und versetzte sie nach ihrem Tod in den Nachthimmel, ins Sternbild der Corona.